Marie Sann

Die Berliner Illustratorin und Comiczeichnerin Marie Sann war schon 2009 als Manga-Zeichnerin auf der Vienna COMIX. 2019 will sie mit ihrem Projekt „Kinky Karrot“ emanzipierte Frauen auf freche und humorvolle Art inspirieren, stolz auf ihre Weiblichkeit zu sein und selbstbewusst ihre Sexualität auszuleben. Wir haben ein Interview mit ihr geführt

Anlässlich der Vienna COMIX 2019 haben wir ein Gespräch mit Marie Sann geführt. Das Interview ist auch im Programmheft nachzulesen.

Marie, 2009 warst du noch ein echtes Manga-Girl und hast dich mitten in der
großen Community von Manga-Fans zeichnerisch ausgetobt. Wie ist dein
Blick zurück auf diese Zeit?

Marie Sann: Es war eine ganz besondere Zeit für mich. In so jungen Jahren schon recht viel Aufmerksamkeit und Bestätigung für seine eigenen kleinen Kreationen zu bekommen war unheimlich schmeichelnd und hat mir viel Kraft und Motivation gegeben, weiter die Richtung der freien Künstlerin einzuschlagen. Der positive Zuspruch hat mir gezeigt, dass ich mit meinen Zeichnungen Freude in Menschen wecken und sogar damit Geld verdienen kann.
Wie siehst du die Gesamtentwicklung der europäischen Manga-Szene seither?
Die Szene hat sich sehr stark weiterentwickelt. Ich war damals ja eine der wenigen (und ersten) Deutschen, die eigene Mangas gezeichnet und veröffentlicht haben. Mittlerweile gibt so viele begabte „Nachwuchs“-Mangaka und die Qualität ist im Allgemeinen auch enorm gestiegen. Das ist schon beeindruckend.

Was waren die wichtigsten Meilensteine in deiner Karriere seit 2009?

Marie Sann: Nach der Manga-Miniserie „Krähen“ (erschienen bei Tokyopop), die ich 2009 zusammen mit Guido Neukamm entwickelt hatte, entfernte ich mich zeichnerisch vom reinen Mangastil und arbeitete drei Jahre lang an der Graphic Novel „Frostfeuer“ (2013 als Sammelband beim Splitter Verlag erschienen). Dabei handelt es sich um eine Adaption des gleichnamigen Romans von Kai Meyer und die Zusammenarbeit mit einem so bekannten Autor, einem tollen Skripter (Yann Krehl) und dem netten Team vom Splitter Verlag war eine schöne und lehrreiche Erfahrung für mich. Seit 2016 arbeite ich nun an meinem eigenen Projekt namens „Kinky Karrot“. Hierbei handelt es sich um ein sex-positives Illustrationsprojekt, mit dem ich den verklemmten Umgang mit dem so wichtigen Thema der Sexualität brechen möchte und auf freche Weise Erotik aus der Sicht einer Frau präsentiere.

Worin steckt der größte Reiz für dich an deinem „Kinky Karrot“ Projekt ? Was ist dir dabei das Wichtigste?

Marie Sann: Der Reiz liegt für mich einerseits im Spiel mit Tabus, ich nehme mir in diesem Projekt die Freiheit, mich richtig auszutoben und freche Charaktere zu porträtieren, die selbstbewusst mit ihrer Sexualität umgehen. Dabei kann es schon mal etwas offensiv werden.
Der zweite Grund, weswegen ich das Projekt ins Leben gerufen habe, ist der Mangel an Erotik, der sich auch an Frauen richtet. Ich bin ein großer Freund von Sex und erotischen Inhalten, wurde jedoch immer wieder schrecklich enttäuscht, wenn ich mit erotischen Medien konfrontiert war: das allermeiste ist frauenfeindlich, gewaltverherrlichend und unoriginell. „Kinky Karrot“ ist meine ganz persönliche Version von „guter Erotik“ und natürlich wird es nicht jedem gefallen, was aber völlig ok ist. Das positive Feedback, das ich bekomme, zeigt mir, dass ich damit bei vielen einen Nerv treffe. Und wenn sich auch Frauen meine Bilder gern aufhängen und sich mit den Charakteren identifizieren können, weiß ich, dass ich eine richtige Richtung eingeschlagen habe.

Gibt es Unterschiede zwischen “Pin-Ups” die von Männern oder Frauen gezeichnet werden?

Marie Sann: Ich finde, in den meisten Fällen sieht man es, ja. Es ist schwierig, genau zu erklären, was den Unterschied ausmacht… aber mir persönlich fehlt bei vielen Bildern, die von Männern stammen – und ich hoffe, ich trete hier niemandem zu nahe – eine gewisse Charaktertiefe in den Figuren. Der Fokus liegt oft sehr stark auf der bloßen Darstellung „perfekter“ Körper, was mich persönlich langweilt, denn Reiz und gute Erotik entsteht für mich erst durch kleine sogenannte „Makel“ (wobei diese auch nur Kreationen der schrecklichen Schönheitsindustrie sind) und einer eigenen starken Persönlichkeit. Natürlich ist es nicht einfach, etwas wie „Persönlichkeit“ in einer einzelnen Illustration wirklich klar zu vermitteln, einfacher wäre es zum Beispiel in einer Comicstory. Ich gebe mir aber immer sehr viel Mühe, großen Wert auf die Kommunikation zwischen gezeichneter Figur und Betrachter*in zu legen und denke mir beim Zeichnen des Charakters gern kleine Geschichten aus, um mich dieser Figur dann selbst näher zu fühlen und nicht nur den Körper zu sehen.

Würde es dich mit deiner heutigen Erfahrung als Zeichnerin noch reizen, ein Manga zu zeichnen, wenn du eine gute Story bekommst? Vielleicht einen erotischen Manga?

Marie Sann: Ehrlich gesagt nicht. Meine Manga-Zeit war wirklich toll für mich und ich bin sehr dankbar, dass ich sie erleben durfte. Ich habe aber einen sehr starken Drang, immer weiter neue Dinge auszuprobieren und die Zeit des Manga-Stils ist für mich nun einfach vorbei. Wer sich die Illustrationen von „Kinky Karrot“ aber etwas genauer ansieht, wird schnell merken, dass es viele Anspielungen oder sogar einzelne direkte Interpretationen bekannter Manga-Figuren gibt. Das Projekt ist im Prinzip für die gemacht, die mit dem Manga-Boom aufgewachsen sind, nun aber sex-positive, emanzipierte Erwachsene sind. Der Einfluss von Manga wird mich immer begleiten, denn das Medium hat mich als Kind und Jugendliche stark geprägt.

Was sind die typischen Reaktionen auf „Kinky Karrot“ und welche waren die schrägsten?

Marie Sann: Insgesamt ist die Reaktion unheimlich positiv, worüber ich mich sehr freue und was mir weiteren Antrieb gibt. Die Leute sind positiv überrascht, ein erotisches Projekt aus der Feder einer Frau zu sehen und ihnen gefällt der „frische“ und „freche“ Ansatz. Es amüsiert mich immer sehr, auf jedem Event an meinem Stand in verschmitzt grinsende Gesichter zu schauen, die sich Geschichten zu meinen Figuren ausdenken. Und viele brauchen auch eine Weile, um sich bis zum Tisch heranzutrauen. Hihi.
Andererseits gibt es auch immer wieder ein paar, die sich angegriffen fühlen. Einmal ging sogar eine Beschwerde bei einem Messeorganisator ein. Besonders schockiert mich allerdings das Verhalten Einzelner auf den Social-Media-Seiten. Allein die Tatsache, dass eine Frau erotischen Inhalt kreiert, scheint für Einige Einladung genug zu sein, anstößige Nachrichten oder Fotos zu verschicken. Solche Leute würden sich auf einem Event wahrscheinlich nicht mal in die Nähe meines Standes trauen, geschweige denn ein Gespräch mit mir beginnen… Der Schutz des Internets bringt eben auch die schlechtesten Seiten in manchen hervor.

Wodurch lernt man nach so vielen Jahren als Zeichnerin noch dazu? Was machst du um in Übung zu bleiben, bei Musiker*innen heißt es ja immer, dass ohne tägliches, stundenlanges Üben gar nichts geht.

Marie Sann: Mich persönlich treibt eine innere Neugier, ein innerer Drang an, jeden Tag fleißig zu sein und regelmäßig neue Dinge dazuzulernen und auszuprobieren. Meiner Meinung nach mache ich noch viel zu wenig, um mich weiterzuentwickeln. Zum Beispiel sollte ich eigentlich mehrmals die Woche zum Aktzeichnen gehen. Aber man muss ja auch immer sehen, wie man alles in seinem Leben so unterbekommt.
Das Gute ist, dass das Zeichnen meine absolute Leidenschaft ist und es sich eigentlich nie wie ein Muss anfühlt. Es gibt noch extrem viel auszuprobieren und ich habe so viele Projektideen, dass ich selbst in tausend Jahren nicht alle verwirklicht hätte.

Was machst du am liebsten, wenn du nicht arbeiten musst?

Marie Sann: Zeichnen. ;p und mit meinen Liebsten gemütlich zusammensitzen oder mit meinem Hund durch Wälder tollen. Auch genieße ich es sehr, Livemusik zuzuhören… Spielen kann ich selbst leider kein Instrument.

Denkst du, dass Superhelden-Comic-Verfilmungen, auch wieder mehr Menschen zum Comics lesen bringen? Gefallen dir die neuen Superhelden-Filme?

Marie Sann: Ich bin mir leider nicht sicher, ob dadurch wirklich mehr Comics gelesen werden. Auf jeden Fall gibt es durch die Verfilmungen aber eine größere Aufmerksamkeit für Comic-Geschichten im Allgemeinen. Ob die Teenies dann aber auch wirklich zu einem Comic greifen oder nicht doch lieber auf den nächsten Teil der Verfilmung warten oder ein Game dazu an der Playstation zocken, kann ich nicht einschätzen…
Ich finde cool, dass das Genre Comic seit einiger Zeit so viel Raum bekommt und dadurch wesentlich ernster genommen wird, als es früher der Fall war. Durch die großen Filmproduktionen gehört es nun einfach zur Popkultur dazu und jeder kennt die Namen der großen Comichelden. Die meisten Verfilmungen habe ich gesehen, manchmal wird es mir dann aber doch zu viel.
Meine Lieblingsverfilmungen sind die von Batman (Christopher Nolan) und die Iron Man Filme. Außerdem habe ich den jüngst erschienenen Spiderman-Animationsfilm („A new Universe“) sehr genossen. Ich finde, man merkt geradezu, dass sich tolle kreative Köpfe hier etwas getraut und sich richtig ausgetobt haben. Das Ergebnis ist ein echter Augenschmaus.

Was könntest du den ganzen Tag zeichnen ohne, dass es dich nervt? Was würdest du am liebsten gar nicht zeichnen (Menschen, Tiere, Autos, Bäume, …)?

Marie Sann: Am liebsten zeichne ich Charaktere. Das können Menschen oder Tiere sein oder Fanatsiefiguren, denen fühle ich mich nahe beim Zeichnen. Es fiel mir aber immer schwer, diese Nähe auch beim Zeichnen von Räumlichkeiten oder Dingen zu empfinden. Müsste ich solches lange Zeit hindurch zeichnen, würde es mich wohl wirklich nerven. Glücklicherweise sind aber 90% aller Motive die ich anfertigen darf, mit Charakteren verbunden.

Du bist sehr viel auf Comic-Veranstaltungen und Comic Cons präsent, wie siehst du die Entwicklung dieser Events, reine Geschäftemacherei oder bringt es der Comic-Kultur eine bessere Verbreitung?

Marie Sann: Ich kann nur aus meiner eigenen Perspektive als Künstlerin sprechen und da muss ich sagen, dass Events wie auch die Vienna COMIX immer wunderschöne Highlights für mich sind. Als fleißige Zeichnerin sitze ich ja doch sehr viel allein am Schreibtisch und habe nicht viel Kontakt zur Außenwelt. Natürlich gibt es das Internet und ich finde es toll, dass man auch so mit seinen Followern verbunden sein kann. Ich bin sehr dankbar für die lieben, motivierenden Nachrichten, die mich täglich erreichen. Dennoch ist das nie zu vergleichen, mit einem echten Zusammentreffen auf einem Event.
Fans meines Projektes zu begegnen, das Leuchten in ihren Augen zu sehen und echtes konstruktives Feedback zu bekommen ist unheimlich toll und versorgt mich noch viele Wochen nach einer Veranstaltung mit positiver Energie.
Viele Fans treffe ich mittlerweile regelmäßig auf Conventions und es fühlt sich schon an wie eine kleine Familie. Ich halte Comic-Veranstaltungen für eine sehr wichtige Sache für die Community. Es sind Orte an denen sich Gleichgesinnte treffen und über ihre Leidenschaften austauschen können. Ich bin überzeugt, dass es der Verbreitung des Genres gut tut. Das sieht man ja allein an den wachsenden Besucherzahlen über die Jahre. Was mich allerdings stört ist, dass viele Events vom Angebot her doch recht austauschbar sind. Da könnte man meiner Meinung nach noch kreativer sein. Die vielen Merchandise-Stände zum Beispiel, die ganze Hallen füllen und von denen oft einer wie der andere aussieht, finde ich recht nervig. Stattdessen sollte es vielleicht lieber mehr Comic-Händlerinnen geben und natürlich sollten Comic-Zeichnerinnen noch stärker vertreten sein.

Und wenn du in deine Zukunft schaust – was malst du dir für die nächsten 10 Jahre aus?

Marie Sann: Ich habe vor, in den nächsten Jahren meine Convention-Besuche auch auf außerhalb von Europa auszuweiten. Das ist aber natürlich auch eine Kostenfrage und muss gut geplant sein.
Für „Kinky Karrot“ möchte ich generell größere Reichweite und dadurch auch größeren Erfolg für mich erzielen. Ich möchte es zu einem meiner Standbeine machen, um weniger auf andere illustratorische Aufträge von außen angewiesen zu sein. Es soll vielen Menschen Freude bringen, sie inspirieren und etwas zur bodypositiven Bewegung beitragen. Es soll zeigen, wie Erotik auch sein kann und gern auch ein bisschen zum Nachdenken anregen.
Wenn das „Kinky Karrot“ Projekt stabil läuft, möchte ich unbedingt ein kreatives Tierschutzprojekt, wahrscheinlich mit Fokus auf der Rettung von Straßenhunden, auf die Beine stellen. Ich hatte zu Beginn versucht, beide Projekte („Kinky Karrot“ und das Tierschutzprojekt) parallel aufzubauen, das war aber schlichtweg nicht möglich. Ein Projekt bekannt und erfolgreich zu machen ist schon hart genug für jemanden, der eigentlich nur Künstler*in ist… Daher passiert nun eins nach dem anderen. Und ich freue mich sehr auf jeden Tag, den ich mit diesen Projekten verbringe!

Wordrap Marie Sann

Die Vienna COMIX wird… großartig und viel zu schnell vergehen!

Berlin und Wien verbindet… offene, kreative und liebevolle Menschen. Sonst allerdings nicht viel… Mit der Schönheit Wiens kann Berlin einfach nicht mithalten.

Am besten zeichne ich, wenn… ich ein Sherlock Holmes Hörspiel dabei höre. Leider habe ich aber schon jedes einzelne mindestens dreimal gehört.

Ein Leben ohne gute Erotik… geht, aber ist nicht so schön.

So gut wie zeichnen würde ich auch gerne… tanzen, tätowieren oder Musik machen.

Comic Fans können… kreativer sein, als die meisten anderen Menschen.

Dank Facebook & Co. haben Comic-Zeichner*innen… die Möglichkeit, sich eine Followerschaft auf der ganzen Welt aufzubauen; auch außerhalb von Events mit ihren Fans in Kontakt zu bleiben und ihre eigenen Produkte per Print on Demand zu verkaufen.

Kaffeehaus oder Heuriger… Ich trinke weder Kaffee noch Alkohol. Aber im Kaffeehaus gibt es bestimmt auch Tee und Kuchen. Dann passe ich da gut hin.

Meine Lieblings-Musik… ist melodisch, abwechslungsreich und motivierend.

Haustiere sind… absolut gleichberechtigte Wesen und das Beste, was dem Menschen passieren konnte (vor allem Hunde ;))

(Interview Marie Sann / Vienna COMIX, 2019)